80 Tage gefangen im Paradies

80 Tage gefangen im Paradies

Corona hat den Alltag aller Menschen und die Wirtschaft gehörig aus dem Gleichgewicht gebracht. Über die Verluste der Reedereien, deren Schiffe, die im Hafen liegen müssen, wurde ausgiebig berichtet. Wie aber geht es den Binnenschiffern, die auch von der Pandemie betroffen sind?

REDAKTION: PETER BAUMGARTNER.

Zwei Binnenschiffer, die mit ihren kleinen Schiffen am Anfang des Jahres von den Niederlanden nach Frankreich gefahren sind, dachten zu Beginn der Reise noch nicht daran, dass es für sie diesmal anders laufen wird. Man wollte eine Ladung in Frankreich abliefern und danach gleich wieder mit dem leeren Schiff nach Hause fahren – eine Standardaufgabe. Mitte Februar, die Binnenschiffer waren bereits auf dem Heimweg, kam Corona in Form der französischen Wasserstraßenverwaltung VNF an Bord – Ende der Reise.

Beide Schiffe mussten sofort am Ufer festmachen und bis zur Weiterfahrterlaubnis dort liegen bleiben. Dann verging ein Tag nach dem anderen. Keine Fahrterlaubnis, keine Informationen, keine Hoffnung. Am 50. Tag vor Anker, beschlossen die Binnenschiffer zu protestieren.
Ein provisorisch angefertigtes Transparent am Schiff diente als sichtbarer Protest an die Wasserstraßenverwaltung gerichtet. „VNF NOUS VOULONS RENTRER“, stand auf dem Transparent. „Wir wollen nach Hause“. Der Hilferuf wurde sogar gehört, aber nicht vom VNF, sondern von den Medien in Frankreich und in den Niederlanden, die aber nur darüber berichten konnten. Das Leben für die beiden Binnenschiffer im französischen Paradies bei Wein und gutem Essen, dauerte noch 30 Tage. Nach 80 Tagen endlich – Anfang Mai – ab nach Hause! Man feierte den Tag mit Champagner und einer Torte im Gefängnisformat.

So „gut“ haben es aber längst nicht alle Binnenschiffer getroffen. Für viele Kapitäne ist der Lockdown noch immer nicht zu Ende. Besonders hart betroffen sind die Kapitäne der Flusskreuzfahrt. Sie sind praktisch von der Winterpause nahtlos in die Corona-Pause getaumelt. Für sie könnte der Lockdown durchaus gar kein Ende nehmen, denn die Mehrzahl der Flusskreuzfahrer in Europa hat ausländische Passagiere aus Australien, USA oder anderen Ländern außerhalb Europas. Sie sind also abhängig von den Grenzöffnungen und Reisebedingungen. Wann und ob wieder Gäste nach Europa und an Bord kommen, ist eine unbeantwortbare Frage.

Einer der betroffenen Kapitäne ist Peter Werner (57), der in der Ukraine und in Österreich lebt. Eigentlich hätte er in der ersten Märzwoche wieder an Bord gehen können. Aber dann wurden alle Termine abgesagt. Seither ist der Kapitän zu Hause. Zum Glück wurde er noch nicht infiziert. Auch im familiären Umfeld gibt es nur einen schwach positiv getesteten Fall. Wie lange er noch zu Hause bleiben muss, kann niemand sagen. Auch seine Reederei ist von ausländischen Passagieren abhängig und vorerst sind für diese Saison alle Reisen abgesagt. Ökonomisch hat das für ihn und seine Familie momentan noch keine großen Auswirkungen, weil er die Kurzarbeitsregeln nützen kann.

Goran Stanimirov (34), der ebenfalls Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff ist und in seiner Heimat Belgrad festsitzt, weiß wie alle seiner Kollegen nicht, wann er wieder an Bord gehen kann. Seine Hoffnung ist, dass es wenigstens ab September wieder Arbeit geben wird. Bis dahin gilt es für ihn sparsam mit dem verfügbaren Kapital umzugehen. Das heißt, zuerst müssen Rechnungen und Bankkredite bezahlt werden. Seine Frau und sein einjähriger Sohn profitieren derzeit wenig vom Gehalt eines Kapitäns. Zum Glück, im Unglück, gibt es in seiner Familie noch keine Infizierten.

Auf die Frage, welche Änderungen er aus der Corona Erfahrung heraus im Bordbetrieb empfehlen würde, meinte Goran, dass in der Passagierschifffahrt vielleicht eine Art „Einbahnstraße“ für alle an Bord helfen könnte, damit enge Kontakte tunlichst vermieden werden. Aber auf Grund der baulichen Gegebenheiten würde das wohl ein größeres Umdenken erfordern.

In der Frachtschifffahrt könnte es eine gute Idee sein, nach jedem Besatzungswechsel die Kabinen zu desinfizieren. Peter Werner meint auf die Frage nach den sinnvollen Änderungen: „Die Pandemie ist nicht der Grund, um über Änderungen im Bordbetrieb nachzudenken. Sehr, sehr viele Umstände, die in den letzten Jahren angesammelt wurden, sollten den Ruf nach Veränderung laut schallen lassen. Die Liste der gewünschten, aber auch erforderlichen Änderungen ist zu lange und zu gleichwertig, um diese hier in einer Prioritätenliste anzuführen. Ich bin aber gerne bereit diese Änderungen und die Umstände die zu den gewünschten/geforderten Änderungen geführt haben zu beleuchten.

Mir ist die Binnenschifffahrt und im speziellen die Donauschifffahrt mit allen ihren immer noch ungenützten Möglichkeiten zu wichtig, um hier mit nur einem beschriebenen Umstand, eventuell ein falsches Bild abzugeben. Fest steht aber, Änderungen sind zwingend erforderlich und diese dürfen unter keinen Umständen, weder im Personen- noch im Frachttransport, zum Nachteil der Passagiere oder der Besatzungen führen“.

Die Kapitäne der Flusskreuzfahrt wurden auch gefragt, ob sie für die Zukunft aus der Corona Krise Vorteile ziehen können. Denn aus jeder Krise kann man ja auch Lehren für die Zukunft mitnehmen. Für Goran, dem jungen Familienvater, dessen Sohn erst ein Jahr alt ist, stellt sich diese Frage momentan nicht. Er macht sich Sorgen, was in der nächsten Zeit passieren wird und ob er überhaupt einen Job haben wird. Niemand, auch seine Reederei kann derzeit vorhersagen, welche Zukunftspläne es gibt.
Diese Unsicherheit und Ungewissheit machen die Sache für die junge Familie ungemein schwierig.

Peter Werner macht sich generell Sorgen um den Zustand der Welt und der Gesellschaft. Nach seiner Meinung, „darf nicht die Pandemie als Vorwand genommen werden, sondern der Zustand der Welt und ihrer Gesellschaft generell“. Die Menschen, so Werner, „müssen begreifen, dass eine multikulturelle Gesellschaft und der Globalismus nicht darin bestehen dürfen, dass der Wohlstand weniger, nur zum Nachteil vieler geschieht. Die Weltwirtschaft ist ja nicht überraschend und durch Covid 19 in die Krise gerutscht, sondern sie taumelt ja schon länger von einer Krise in die nächste. Das zeigt, dass die Weltwirtschaft so nicht funktioniert – auch wenn dies von Politik und Wirtschaft immer heftig bestritten wird. Was Covid 19 zeigt ist lediglich, dass sich unsere Überheblichkeit jetzt rächt und die Welt völlig unvorbereitet in etwas getaumelt ist, das ja immer präsent war.

Covid SARS ist nicht das erste Virus, das eine Pandemie ausgelöst hat und es wird nicht das letzte Desaster sein. Covid und seine hausgemachten Probleme sind insgesamt aber eine Chance für jeden von uns und für die Wirtschaft. Allerdings wird man sich persönlich und die Systeme rapide umstellen und völlig neue Wege gehen müssen.“ Davon, so Peter Werner, ist auch der Tourismus und die Binnenschifffahrt, egal ob Fracht oder Personentransport nicht ausgenommen.

Covid mit all seinen negativen Folgen betrifft nicht nur die Binnenschifffahrt auf den Wasserstraßen. Es gibt auch sehr viele Kapitäne und Besatzungen, die auf den großen oder kleineren Seen Passagierschifffahrt betreiben und von der Pandemie ebenso zu einem Zeitpunkt erfasst wurden, als man gerade mit der neuen Saison beginnen wollte. Wie in der Flusskreuzfahrt, gab und gibt es in der Passagierschifffahrt auf den Seen viele Unklarheiten bei den aktuellen Regelungen, die eine ohnehin schon dramatische Situation nicht gerade leichter machen. Ausgelöst durch zahlreiche Änderungen auf dem Verordnungsweg, kam und kommt es noch immer zu kuriosen Situationen. So durften zum Beispiel zunächst Radfähren ihren Betrieb aufnehmen, Personenschiffe aber nicht – obwohl es im Bordbetrieb praktisch keinen Unterschied gibt. Später durften auch Personenschiffe fahren, aber nur solche, die unterwegs Stationen anlaufen. Schiffe, die nur eine Rundfahrt anbieten, durften nicht fahren. Noch verwirrender wurden die Regelungen durch die Differenzierung zwischen Passagierschifffahrt und gewerblicher Bootsvermietung.

Das führte dazu, dass ein Personenschiff mit 10 Passagieren nicht fahren durfte, ein Personenschiff mit 100 Passagieren aber schon und ein Bootsvermieter mit acht Passagieren auch. Im Gegensatz zur Passagierschifffahrt, müssen sich der Bootsvermieter und seine Passagiere weder an Maskenpflicht noch an die Abstandsregeln halten. Ein Kapitän, der mit diesem Wirrwarr konfrontiert ist, ist Wolfram Pschernig (69).

Der Familienvater betreibt die einzige schwimmende Bibliothek in Österreich mit dem Heimathafen Maria Wörth am Wörthersee. Pschernig, der vom Virus bisher zum Glück verschont blieb hofft, am 29. Mai mit der Saison beginnen zu können. Ein Monat später als jene Schiffe, die zu den sogenannten „Massenverkehrsmitteln“ zählen. Für ihn bedeutet das zwei Monate Verzögerung und durch den Corona bedingten Ausfall eines Hauptkunden, einen Umsatzverlust von 70 Prozent. Auch er fühlt sich durch den wöchentlichen Wirrwarr und teils inkompetenten Informationen im Stich gelassen. Für seine schwimmende Bibliothek rechnet er erst ab 2021 wieder mit einem Normalbetrieb – vorher hoffentlich bald ohne Maskenpflicht. Corona hat Pschernig generell zum „Neudenken“ – betrieblich und privat – veranlasst.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Kapitäne und Besatzungen der Binnenschifffahrt ganz sicher schon jetzt zu den großen Verlierern der Pandemie zählen. In Abhängigkeit von der Dauer, in der wir noch mit Corona leben müssen, werden dieses Desaster vermutlich nicht alle Kapitäne wirtschaftlich überleben können und viele werden ihre Ersparnisse gänzlich aufbrauchen müssen, um über die Runden zu kommen. (PB)

Quelle: Binnenschiff Journal 3/2020

Peter Baumgartner

Translate »