Das Narrenschiff

Das Narrenschiff

„CES“, das weltweit größte Technologie Event, galt bisher oberflächlich betrachtet als Influencer-Party der Unterhaltungselektronik und als Gradmesser dafür, was in der Unterhaltungselektronik gerade so richtig angesagt ist. Da spielt jetzt die Schifffahrtsindustrie auch mit.

Das Spiel heißt „Narrenschiff“ mit Kurs auf Narragonien. Nicht umsonst haben die Veranstalter Las Vegas, die City of Entertainment, als Messestandort gewählt. Der Aufmarsch der Giganten dort, von Sony über Panasonic, Intel, Bosch, bis hin zu Samsung, Qualcomm, LG usw., findet alljährlich Anfang Jänner statt. Zwei Megatrends beherrschen seit geraumer Zeit diese Branch. Das ist einerseits die Automatisierung und anderseits das Metaversum. Damit verbunden ist die Cloud-Infrastruktur und die Künstliche Intelligenz. Deshalb ist es nicht besonders verwunderlich, dass man unter den „CES“-Ausstellern plötzlich auch Schiffbauer wie Hyundai Heavy Industries Group findet, die autonome Fahrzeugtechnologien anbieten (wollen). HHIG kann jetzt von sich behaupten, zu den weltbesten Entertainern zu zählen. Tatsächlich ist die autonome Schifffahrt so etwas wie ein Spiel für gelangweilte Schiffbauer, die unter Einsatz hoher (meist öffentlicher) Spielgelder versuchen, die menschliche Intelligenz nachzubilden und das Original zu „eliminieren“. Etwa so wie bei den „Player Elimination Spielen“. Die Problemstellung, oder viel mehr das Ziel dieses Spiels dürfte aus laienhafter Sicht das Bemühen sein, aus einem vermeintlich dummen Verhalten, ein intelligentes Verhalten zu machen. Der „Kapitän auf der Brücke“ wird sozusagen zum „Feind“, den man mit allen Mitteln „ausschalten“ muss. Kapitän Homo faber ist dann endlich davon befreit, seine Arbeit nur noch mit der Existenzsicherung begründen zu müssen und er kann nichts mehr wirklich kaputt machen. Fortan frönt er mutiert zum Kapitän Homo ludens, seiner individuellen Verspieltheit. Es sind dann Maschinen, die den Spielverlauf bestimmen. Insofern ist die endlich vollzogene Symbiose zwischen Spielern und Zockern einerseits und der maritimen Wirtschaft anderseits ein logischer Schritt und dient dem angestrebten, gemeinsamen Spaß am Eroberungs-Spiel. Sachlich geht es in der Entertainment-Industrie und beim „Captain Artifical Intelligence“ um sehr viel „Kohle“. Südkorea investiert stark in diesen Bereich mit dem Ziel, bis 2030 zumindest 50 Prozent am globalen Markt der autonomen Schifffahrt halten zu können. Man erwartet, dass sich der Markt für autonome Schiffe bereits bis 2025 verdoppeln wird. Die Höhe der genannten Spielsummen variiert, aber es geht immer um Milliarden.

Das Projekt Advanced Autonomous Waterborne Applications Initiative (AAWA) Bild: Rolls-Royce plc

Mit den Titanen Hyundai und Samsung an Bord, stehen die Chancen für Südkorea ziemlich gut. Japan ist mit der Nippon Foundation und deren Joint Technological Development Programme for the Demonstration of Unmanned Ships – MEGURI2040” im Rennen. Aber auch Europa kämpft tapfer mit. Das EU-Projekt Maritime Unmanned Navigation through Intelligence in Networks (MUNIN), das Rolls-Royce-Projekt Advanced Autonomous Waterborne Applications Initiative (AAWA), oder die Aktivitäten des europäischen Forschungsflaggschiffes SINTEF und natürlich KONGSBERG in Norwegen, sie alle setzen auf Ship Intelligence, um die Effizienz des Schiffsbetriebes zu verbessern. Sie alle haben ein Ziel: Die Spieler an Bord ausgeschalten. Speed-Runner werden auf der timeline zum autonomous ship ihr Ziel irgendwo um 2030 erreichen. Degree four, die höchste Levelphase sozusagen. Ab dann gibt es nur noch einen Herrscher an Bord und das wird nicht der Kapitän auf der Brücke sein. Der landet auf der Insel der Verbannten. Für die Reedereien lösen sich mit dem Drohnenschiff flugs alle Probleme in Luft auf. Kein ständiger Personalwechsel mehr, kein besoffener Kapitän, keine Ver- und Entsorgungskosten, keine lästigen Behördenkontrollen. Viele, viele Betriebskosten verwandeln sich praktisch über Nacht in Gewinne. Auch die Unfallprobleme, alle gelöst. Heißt es jetzt noch, dass bei Unfällen immer human error im Spiel ist, können dann höchsten Cyberattacken gefährlich werden.

YARA BIRKELAND ist bereits in der Testphase. Bild: Kongsberg

Der Weltschifffahrtstag (World Maritime Day) wurde 1978 von der internationalen Seeschifffahrtsorganisation (International Maritime Organization – IMO) ins Leben gerufen. Seit 1980 wird er jährlich am letzten Donnerstag im September begangen. Er soll auf die Sicherheit des Seeverkehrs und die Schiffssicherheit hinweisen. Gleichzeitig wird der Tag genützt, um sich bei den Seeleuten für ihre schwere und aufopfernde Arbeit zu bedanken. 2021 hat die deutsche Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) ihre Verwaltungsgebäude stimmungsvoll illuminiert und die Seeleute als „das Herzstück der Zukunft der Schifffahrt” beschrieben. Natürlich wird auch die Schifffahrtsverwaltung wissen, dass das „Herz der Schifffahrt“ schon in den letzten Zuckungen am OP-Tisch liegt. International wurde am „Day oft the Seafarer“ das fahrende Volk als „the core of sipping’s future” dargestellt und man überschlug sich förmlich in Dankbarkeit, weil hunderttausende Seeleute in Pandemiezeiten unter beispiellosen Schwierigkeiten ihren Job gemacht haben. Sie alle könnten bald mit einer Kokosnuss unter den Palmen sitzen und ihren Drohnenschiffen am Horizont nachwinken. Etwas länger wird es bei den Binnenschiffen mit der Automatisierung dauern. Aber auch die Binnenschiffer wissen, jemand hat beim Narrenschiff Start of play gedrückt.

Bild: IMO

Vorsichtig zurückhaltend, verhalten sich noch die Gewerkschaften bei der Debatte um das Drohnenschiff. Noch feiert man mit ihnen den Day of the Seafarer und hofft, dass nicht alle über Bord gehen (müssen). Immerhin geht es um Mitglieder und Spielautomaten brauchen keinen gewerkschaftlichen Beistand.

Beitragsbild NARRENSCHIFF – Quelle: IBBS

Peter Baumgartner

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