Drinkable Rivers

Drinkable Rivers

Flüsse sind lebenswichtig für alles Leben auf der Erde. Flüsse sind unsere Lebensadern. Wir können nicht ohne Wasser leben, wir sind Wasser. Alle Lebewesen sind Teil eines Einzugsgebietes, so dass wir alle von trinkbaren Flüssen profitieren könnten.

REDAKTION: PETER BAUMGARTNER.

Die COVID-19-Pandemie hat uns gezeigt, wie wichtig Hygiene und ein angemessener Zugang zu sauberem Wasser sind, um zur Vorbeugung und Eindämmung von Krankheiten beizutragen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ist das Händewaschen eine der wirksamsten Maßnahmen, um die Ausbreitung von Krankheitserregern zu reduzieren und Infektionen zu verhindern. Aber Milliarden von Menschen fehlt es noch immer an einer sicheren Wasserversorgung.

Nicht nur in Ländern außerhalb Europas, wo wir die herrschenden Zustände gerne ausblenden und wir uns als Europäer gerne in Sicherheit glauben. Covid hat uns gelehrt, wie trügerisch diese dumme Sichtweise ist. Aus der allgemeinen Wahrnehmung wird gerne ausgeblendet, dass es mangelhafte Hygienebedingungen und problematische Trinkwasserversorgung überall gibt – auch in Österreich. Ja sogar im Wasserschloss Schweiz.

Verantwortlich für eine ausreichende Hygiene und für sauberes Wasser sind die Kommunen, deren Organisationen und letztendlich wir alle selber. Auch wenn es ständig Bemühungen gibt, zum Beispiel die Flüsse sauber zu halten, es ist ein Armutszeugnis, dass wir es nicht mal in Europa flächendeckend schaffen, unsere Lebensgrundlage – sauberes Wasser für alle – zu garantieren. Warum ist das so? Warum finden wir 2020 in unseren Gewässern alles was Gott und die Welt verboten hat?

Die Erklärung dürfte sein, dass wir bezüglich der Wasserverunreinigung nicht die Ursachen, sondern die Folgen bekämpfen. Gelangen irgendwo aus welchen Gründen auch immer, zehn Liter Öl in das Wasser, stehen sofort fünf Feuerwehren parat, um die sichtbaren Auswirkungen zu bekämpfen. Verseucht aber eine Industrieproduktion systembedingt permanent das Wasser und hält sich an die einmal im Jahr kontrollierten Grenzwerte, wird das hingenommen.

Das Problem ist, es gibt nicht nur einen Emittenten, es gibt viele und es werden immer mehr. Das Ergebnis ist, dass wir inzwischen alle „Ausscheidungen“ in den Flüssen finden können. Dabei geht es gar nicht um die sichtbaren Probleme, die ein paar Liter Öl verursachen. Es geht um die unsichtbaren, massenhaft und flächendeckend auftretenden Stoffe. Wenn Wissenschaftler mehr zufällig draufkommen, multiresistente Keime, Plastik oder Chemikalien in hohen Konzentrationen finden, ist die Aufregung kurz groß – bevor man wieder zur Tagungsordnung übergeht.

Die Menschen entlang der Flüsse leben aber vom Wasser, dass in bedenklichem Zustand durch ihre Leitungen fließt. Rund 20 Mio. Menschen, sagt die ICPDR, sind allein an der Donau auf das Trinkwasser aus diesem Fluss angewiesen. 59 Mio. leben vom Grundwasser aus dem Einzugsgebiet der Donau. Erheblich höher sind die Zahlen im Einzugsgebiet des Rheins usw. begleitet von der zunehmenden Wasserverknappung, hält die Gesellschaft dennoch konsequent an der falschen Praxis fest: Es wird versucht, die verheerenden Folgen einer verantwortungslosen Industrialisierung mit viel Geld zu beseitigen, statt die Ursachen mit aller Schärfe zu bekämpfen.

Zwei Beispiele jüngster Katastrophen, die von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt stattgefunden haben zeigen, wie gerade die Pharmaindustrie (aber nicht nur die) unsere Lebensgrundlage verseucht:

Forschenden in der Schweiz ist es gelungen, den Nachweis zu erbringen, dass ein einziges Pharmaunternehmen am Rhein das Gewässer durch die chemischen Einträge derart verunreinigt hat, dass sie sich zu einer vorsichtig formulierten Empfehlung genötigt sahen. „Die Konzentration ist in einer Größenordnung, dass es sinnvoll erscheint, über eine Verbesserung der betriebsinternen Abwasservorbehandlung nachzudenken.“

Es hat die Forscher überrascht, dass die chemische Verunreinigung selbst 100 Kilometer von der Emissionsstelle entfernt, noch immer in hoher Konzentration gefunden werden konnte. Die Verdünnung durch das Rheinwasser hat also nicht ausgereicht, um die Gefahr zu reduzieren. Die Conclusio der verblüfften Forscher, eine relativ kleine Abwassermenge aus einem einzigen Industriebetrieb beeinflusst die Wasserqualität eines der wichtigsten Trinkwasserversorger der Welt nachhaltig.

Ein anderer Fall wurde im Jänner bekannt, als die Save in Kroatien und Serbien zur wenig schmeichelhaften Bezeichnung „Superbug-River“ kam. Hier wurden also nicht resistente oder multiresistente Keime gefunden, sondern der Supergau in Form von vollständig medikamentenresistenten Keimen. Was war geschehen, wie konnte der wichtige Fluss die Millionenstadt Belgrad derart bedrohen? Auch hier fanden Forscher ein einziges Pharmaunternehmen in Kroatien, das seine Abwässer in die Save geleitet hat.

Für die Mikrobiologin Nikolina Udikovic Kolic war das, was sie 15 Kilometer flussaufwärts von Zagreb gemacht hat, wie eine Art von Polizeiarbeit. Versteckt im Unterholz des bewachsenen Ufers untersuchte sie einen Abfluss des örtlichen Pharmaunternehmens und fand etwas, wovon sie behauptet, „das ist eines dieser Dinge, die den Lauf der Menschheit in den nächsten hundert Jahren völlig verändert wird“. Die von Kolic gefundenen Antibiotikawerte waren 1000 Mal höher, als man normal erwarten würde. Und wieder konnte die natürliche Durchmischung des Flusses die Konzentration der Gifte über Kilometer nicht ausreichend verdünnen. In diesem Fall hat sich eine kroatische Forscherin mit einem israelischen Pharmakonzern angelegt. Man braucht kein Prophet zu sein um zu wissen, wie der Kampf ausgehen wird. In anderen Fällen sind es europäische Konzerne, die wohl ebenso damit rechnen, nicht kontrolliert zu werden.

Die UNO hat 2019 festgestellt, dass der Anstieg antibiotikaresistenter Keime bis 2050 zehn Mio. Menschen das Leben kosten könnte. Die Feststellung beruht auch auf einem globalen Forschungsergebnis über den Zustand der Flüsse. An 711 Standorten in 72 Ländern wurden die Flüsse untersucht und festgestellt, dass 65 % durch Antibiotika verseucht sind. 35 % der afrikanischen Flüsse sind kontaminiert, aber auch 8 % der europäischen Flüsse. Einer davon, die Donau, ist der auf dem Kontinent am stärksten verschmutzten Fluss. Manche Probenergebnisse waren viermal so hoch, wie das als sicher angenommene Niveau. Alistair Boxall von der University of York, der die Studie koordinierte nannte namentlich den Donaukanal in Wien, ein beliebter Ort für die Fischerei, wo „ziemlich hohe“ Antibiotikawerte gefunden wurden.

Insgesamt beschreibt das Bild über unsere wichtigste Lebensgrundlage, sauberes Wasser, einen dramatischen Zustand. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass unsere Regierungen von Covid völlig überrascht wurden und überfordert reagiert haben. Ein Problem, das nicht an den Ursachen bekämpft wird, kann womöglich mit allem Geld der Welt nicht mehr beseitigt werden.

Man sieht, wir müssen nicht die großen Wasserverschmutzungen aus der Vergangenheit zitieren. Vielleicht kann man heute sogar sagen, die Sandoz Katastrophe in Basel (1986), Baia-Mare (2000) oder Kolontar (2010), waren regionale Ereignisse mit schwerwiegenden Auswirkungen. Aber was wir heute erleben und noch erleben werden, ist eine apokalyptische Vision, gegen die es zu kämpfen gilt. Wenn jetzt die ICPDR einen Schritt in diese richtige Richtung setzt, mag das Zeugnis für einen guten Willen sein. Aber es wird viele solcher Schritte schnell brauchen, um dem Dilemma vielleicht noch entgehen zu können. Die ersten paar Schritte der UN Wold Water Decade waren jedenfalls nur Marketing. (PB)

Quelle: Binnenschiff Journal 3/2020

Peter Baumgartner

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