„Für uns hat die Binnenschifffahrt noch enorm viel Potenzial“

Jedes Jahr im Februar kommt Andre Pluimers mit seiner Familie zum Skifahren nach Österreich. Ein Tag der Urlaubswoche ist für geschäftliche Zwecke reserviert. Dann trifft sich der geschäftsführende Gesellschafter der niederländischen Bolk Transport Group zum Gedankenaustausch und zur Bilanzbesprechung mit Gerhard Wagner. Dieser steht an der Spitze der Bolk Transport Austria GmbH, deren Stammkapital er zu 50 Prozent hält. Das Unternehmen spediert im Auftrag von namhaften Kunden sensible Waren in anspruchsvolle Länder in den Regionen Südosteuropa, Naher/Mittlerer Osten und Zentralasien. Um derartige Aufträge machen andere Logistikdienstleister einen großen Bogen.

Auch dem Team im Stammhaus von Bolk Transport in Almelo in den Niederlanden fehlte bis vor fünf Jahren das Know-how für die Organisation von Spezial- und Übermaßtransporten von Ladestellen in ganz Europa in die Staaten am Balkan und darüber hinaus. Gerhard Wagner besitzt aus seiner langjährigen beruflichen Tätigkeit in Rumänien die notwendige Erfahrung in dieser Disziplin. Dazu kommen die guten Kontakte zu zahlreichen Spezialisten für die physischen Transportabwicklungen in der Türkei. Auf sie ist jedes Logistikunternehmen in Europa angewiesen, das früher oder später einen Beitrag zum Aufbau der völlig zerstörten Infrastrukturen in Ländern wie Syrien oder Irak leisten will.

Noch dazu ist das keine Einbahnstraße! Denn so schwer den westeuropäischen Speditionen und Logistikdienstleistern der Markteintritt mit eigenem Equipment in der Türkei und in deren Nachbarländern fällt, so gering sind die Chancen der dort ansässigen Anbieter von Gesamtlösungen für Projekte auf Direktgeschäfte mit den Großverladern aus Deutschland, BeNeLux oder Frankreich. Hier liegen die Stärken von Unternehmen wie die Bolk Transport Group, die rund 50 Prozent ihres Jahresumsatzes von zuletzt rund 70 Mio. Euro im Segment der Spezialtransporte erwirtschaftet. Weitere Tätigkeitsfelder liegen in den Bereichen Planentransporte, Warehousing/Distribution, gestützt auf 40.000 m² gedeckte Lagerfläche, sowie im Betrieb von drei Containerterminals in den Niederlanden.

Die 350 Mitarbeitenden der Bolk Transport Group befinden sich im Zustand der permanenten Erneuerung und Ergänzung des Fuhrparks. Das liegt in der dynamischen Entwicklung der Projektlogistik begründet. Andre Pluimers erläutert das anhand der Windkraftindustrie, deren Top-Produzenten zum Kreis der Auftraggeber seines Unternehmens zählen. Für diese Klienten wurden vor 15 Jahren Windblätter mit maximal 25 Meter Länge kreuz und quer durch Europa transportiert. Heute liegt die Obergrenze bei 65 Meter. Das Gesamtgewicht der Anlagen ist auf 120 Tonnen gestiegen. Dafür mussten auch aufgrund der geänderten regulatorischen Bestimmungen in den einzelnen Ländern Alternativen zum grenzüberschreitenden Straßengüterverkehr entwickelt werden.

Bolk Transport hat das mit der Etablierung von eigenen Tochtergesellschaften in Deutschland, Frankreich, Rumänien, Irland und Schweden getan. Jede Niederlassung beschäftigt ein erfahrenes Spezialistenteam und betreibt einen eigenen Fuhrpark. Das Einsatzgebiet der Zugmaschinen und Tieflader beschränkt sich auf kurze Distanzen. Die Langstreckentransporte bleiben der Binnen- und Hochseeschifffahrt vorbehalten. Von diesem Konzept weicht nur das Joint Venture in Österreich ab. Doch das leistet dem Erfolg von Bolk Transport Austria keinen Abbruch. Seit der Gründung im Jahr 2015 ist das Unternehmen stetig gewachsen. Dadurch bedingt platzt der Standort in Attnang-Puchheim aus allen Nähten und wird im Mai 2020 durch ein neues Büro mit 180 m² Fläche in Vöcklabruck ersetzt.

Projekte mit Einbindung der Binnenschifffahrt sind neben Großkran-umstellungen eines der Spezialgebiete von Bolk Transport Austria. Dabei werden Landmaschinen und rollendes Equipment von Regensburg, Passau und Enns auf dem Wasserweg nach Südosteuropa verbracht. Diesen Operationen folgen Zwischenlagerungen und letztlich die Auslieferungen per Lkw in den Zielregionen. Obwohl die Systematik gut funktioniert, zweifeln viele Verlader noch immer an der Zuverlässigkeit der Binnenschifffahrt. Dazu kommt die Scheu vor den zweimaligen Umschlagvorgängen in den Verschiffungs- und Zielhäfen. Und nicht zu vergessen die deutlich längeren Transitzeiten. Umgekehrt winken günstigere Frachtraten, je mehr Maschinen den Weg auf die Wasserstraße finden.

Für Gerhard Wagner ist die Partnerschaft mit der Bolk Transport Group der Türöffner zu zahlreichen Geschäften mit anspruchsvollen Kunden. „Wir besitzen gemeinsam viel Spezialwissen in der Projektlogistik, ergänzt um Dienstleistungen in den Tätigkeitsfeldern Planentransporte, Warehousing und Distribution“, räumt er gegenüber der Österreichischen Verkehrszeitung ein. Indem er sein Wissen und seine Kontakte mit den Stärken der Bolk Transport Group verknüpft, entsteht eine interessante Kombination für Kunden und Lieferanten in ganz Europa. Das will er zügig mit dem Zukunftshub für Projektgeschäfte in Richtung Naher/Mittlerer Osten bis nach Zentralasien verknüpfen, und das liegt für ihn eindeutig in der Türkei.

JOACHIM HORVATH

Markus Jaklitsch

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