Im Namen der Theiß

Im Namen der Theiß

Die Theiß ist einer der wichtigsten und mit fast 1000 Kilometer der längste Nebenfluss der Donau. Neben der Save ist die Theiß auch einer der wasserreichsten Nebenflüsse der Donau. Sie entspringt in der Ukraine und nachdem sie Rumänien, Slowakei, und Ungarn entwässert hat, mündet sie in Serbien in die Donau.

Und noch einen Rekord hat die Theiß zu bieten. Sie trägt eine wahre Plastikflutflut, gesammelt über den gesamten Lauf, bis zur Donau. Einheimische sprechen von einem Plastik Tsunami. Gleichzeitig ist der Fluss ein Naturparadies von unschätzbarem Ausmaß. Zusammen mit dem Theiß-See, war der Fluss auch einmal das fischreichste Binnengewässer in Europa.

Quelle: Filmemacher Ljasuk Dimitry (43)

Der ungarische, in Leningrad geborene Filmemacher Ljasuk Dimitry (43), hat 2021 einen Film über die Theiß gedreht. Das Motto des Regisseurs ist „Notice, Discover and Take Care of Him”. Umweltprobleme sind sein besonderes Anliegen und er kümmert sich um sie mit größtem Einsatz. „Man sollte nicht nur das Schöne zeigen, sagt er, sondern auch auf Probleme und ihre Lösungen hinweisen. „Ich kämpfe mit meinen Filmen und beiden Händen gegen Müll und menschliche Verantwortungslosigkeit“. Dabei hat er selber oft Müll aus dem Fluss gesammelt und erlebt, wie hoffnungslos das Unterfangen manchmal scheint. Immer mehr Müll kommt nach und fordert zum Handeln. Seinen aktuellen Film „Im Namen der Theiß“ (A Tisza nevèben), bezeichnet der Filmemacher als sein bisher wichtigstes Werk. In 55 Minuten nimmt der Film den Betrachter von Transkarpatien bis zum Donaudelta ans Schwarze Meer mit und beschreibt dabei, wie es zu den gigantischen Plastikmengen im Wasser kommt. Ljasuk zeigt aber auch, welche Kräfte viele Menschen auf dem gesamten Verlauf freisetzen, um dem Umweltproblem Herr zu werden. Aber damit Veränderungen stattfinden können, muss jeder etwas tun und ändern – und jede einzelne Person kann etwas tun, um das Problem zu beseitigen, meint Ljasuk. Sein Film zeigt auch Situationen, in denen gewöhnliche Menschen oder hilfsbereite Organisationen hilflos sind. Als Beispiel nennt er im Film eine von vielen illegalen Mülldeponien an der Theiß in der ukrainischen Stadt Raho. Völlig ungesichert werden hier riesige Mengen Müll abgelagert und bei jedem kleinsten Wasseranstieg der Theiß oder bei Regen, wird sofort alles in den Fluss geschwemmt. Die Ungarn sagen dann „Grüße aus der Ukraine“ und ärgern sich über die Machtlosigkeit.

Einseitige Schuldzuweisungen sind allerdings falsch und verschweigen die Umweltschäden, die im Bereich der ungarischen Theiß entstehen. Vielmehr vereint sich der ungarische Müll mit dem Müll aus der Ukraine und aus Rumänien, bevor der ganze Haufen weiter nach Serbien schwimmt. Nebenbei erwähnt: Unvergessen bleibt die schwere Umweltkatastrophe, die am 30. Jänner 2000 in Rumänien ihren Anfang nahm (Baia-Mare-Dammbruch) und über kleinere Flüsse die Theiß erreichte. Vier Wochen nach dem Unfall erreichte die Cyanid-Schadstoffwelle das Donaudelta. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde davor die Theiß. Ein enormes Fischsterben war die Folge, hunderte Fischer wurden ihrer Existenz beraubt und vielfach brach die Trinkwasserversorgung zusammen. Auch der Kolontár-Dammbruch am 4. Oktober 2010 hatte eine Umweltkatastrophe von gigantischem Ausmaß zur Folge und brachte neben menschlichem Leid auch eine Donauverunreinigung mit sich.

Quelle: Tiszai Pet Kupa

In Ungarn hat eine nichtstaatliche Organisation (Tiszai Pet Kupa) an der Theiß der Plastikflut den Kampf angesagt. Sie nennen sich „Plastik Piraten“ und fischen mehrmals im Jahr bei einer organisierten Aktion den Müll aus dem Wasser. Dabei verwenden sie eine ganze Flotte eigener Schiffe, die sie aus dem Plastikmüll gebaut haben und mit gesammeltem Müll beladen. Schon 2013 liefen vier PET-Schiffe vom Stapel und jedes Jahr folgen weitere. Bei der Sammelaktion im September wurden am Bodrog, einem Nebenfluss der Theiß, neun Tonnen Plastik gesammelt. Insgesamt wurden 2021 bei drei Sammelaktionen 20 Tonnen gesammelt. Im Laufe der Jahre hat die Organisation in Summe nun schon 190 Tonnen Plastik aus der Theiß gefischt. Und die Piraten geben nicht auf. Das Ziel ist, künftig pro Jahr mindestens 90 Tonnen Müll zu sammeln. Angesichts der riesigen Müllhalden an der Theiß und deren Nebenflüssen, erinnert das Unterfangen an den Kampf zwischen David und Goliath. Die Chancen, dass hier die kleine Umweltorganisation gewinnt, stehen dennoch nicht schlecht.

Für den gesamten Lauf der Donau gilt, dass die Nebenflüsse einen wesentlichen Anteil an Müll in die Donau einbringen. Viele Dörfer und Städte entlang der Flüsse haben noch nicht mal eine Kläranlage. Frei lagernde Mülldeponien sind eher die Regel, als die Ausnahme und viele Umweltsünden finden illegal statt. Aber auch an der Donau selber ist noch längst nicht alles sauber. Die größte ungesicherte Mülldeponie Europas befindet sich nahe der Donau in Belgrad. Seit 40 Jahren lagert die Hauptstadt Serbiens ihren Müll völlig unbehandelt auf der Deponie-Vinča ab. Jährlich kommen da 550.000 Tonnen Müll susammen. Vieles davon wird in die Donau verfrachtet. Erst jetzt wurde beschlossen die Deponie zu schließen und zu sanieren. Es wird aber noch bis 2024 dauern, bis die Altlastensanierung abgeschlossen ist.

Quelle: Cu Apele Curate

Entlang der rumänischen Donau bemühen sich ebenfalls private Organisationen, den Fluss vom Müll zu befreien. Man schätzt, dass jährlich 1533 Tonnen Plastik auf der Donau durch Rumänien schwimmt. Wenn dann zum Beispiel eine kleine Organisation wie „Cu Apele Curate“ (Mit sauberem Wasser) bei einer Aktion 4 Tonnen sammelt, ist das der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Und dennoch, der Wille und die Ausdauer ehrenamtlicher Helfer ist ein unverzichtbarer Bestandteil im Kampf um die allgegenwärtige Donau Verschmutzung. Ein wichtiger, in die Zukunft gerichteter Aspekt der Umweltschützer ist die Jugendarbeit. Kinder und Jugendliche lernen spielerisch, wie die Verschmutzung der Donau verhindert werden kann.

Jüngstes Beispiel im Kampf gegen Plastik in der Donau finden wir in Budapest. Es wurde mitten in der Stadt eine schwimmende Müllfalle stationiert. Das Projekt mit Namen „Litter Trap“ stammt von einem prominenten Entwicklerteam für saubere Flüsse aus Rotterdam. „Clear Rivers“ hat schon mehrere ähnliche Projekte auf der ganzen Welt erfolgreich initiiert. Ihr Projekt in Brüssel feierte gerade den 3. Jahrestag und hat bisher jeden Monat 2,5 m3 Müll gesammelt. Der schwimmende Müllschlucker in Budapest soll wöchentlich entleert werden. Durch die Zusammenarbeit mit Schülern und Studenten wird in Budapest das Bewusstsein für Abfallbelastung in Verhältnis, Quelle und Art erhöht. Gleichzeitig werde die nächste Gruppe von Fachleuten ausgebildet um neue Ideen und Lösungen zu generieren, sagen die Verantwortlichen.

Trotz aller Bemühungen entlang der Donau und seiner Nebenflüsse, gelangen weiterhin große Mengen Plastik in das Schwarze Meer. Greenpeace warnt, dass Plastikmüll mittlerweile das größte Problem im Schwarzen Meer ist. Aber nicht nur Plastik, sondern auch andere Stoffe wie Chemikalien und Rückstände von Arzneimitteln belasten das Ökosystem. Länderübergreifend ist die Internationale Kommission zum Schutz der Donau (IKSD) für das gesamte Donaueinzugsgebiet zuständig. Zuständig also auch für die Nebenflüsse der Donau, wie die Theiß. IKSD soll als transnationales Gremium, passierend auf dem Donauschutzübereinkommen (DRPC) unter anderem dafür sorgen, dass die EU-Wasserrahmenrichtlinie umgesetzt wird. Gegründet 1998, könnte man kritisch anmerken, sehr erfolgreich war die mit umfangreichen Kompetenzen ausgestattete IKSD noch nicht. Gerade beim Plastik-Problem wird deutlich sichtbar, dass sich die IKSD viel zu sehr auf Diskussionen, Planungen und Informationen beschränkt, statt handfeste Erfolge zu liefern. Seit Jahren wird zum Beispiel in einer sündteuren Aktion die gesamte Donau befahren, die Wasserqualität punktuell untersucht und dokumentiert. Nach jeder Aktion wird festgestellt, wo es ein bisschen schlechter oder besser geworden ist. Das lässt den Verantwortlichen in den Ländern viel Spielraum. Niemand muss sich „schuldig“ für die Misere fühlen und man kann weiterhin über notwendige Maßnahmen diskutieren ohne Taten zu setzen. Nach der letzten Donauuntersuchung (Joint Danube Survey 4) verkündete die zuständige Ministerin Köstinger stolz: „In Österreich wurden in der Donau keine bedenklichen Werte gemessen. Die Vermutung, dass es eine hohe Belastung durch die Donauschifffahrt geben könnte, wurde durch die Untersuchung nicht untermauert.“ Das ist reines Selbstlob ohne Anspruch auf die Wahrheit. Selbstverständlich findet sich auch im österreichischen Donauwasser Plastik. In einer gezielten Aktion hat zum Beispiel „Sea Shepherd“ 2018 im Nationalpark immerhin 374 Kg. Kunststoffe sortiert. Vor allem Mikroplastik in seiner gefährlichsten Form findet sich in der Donau. Multiresistente Keime, Chemierückstände und alles, was nicht ins Wasser gehört, kann man, wenn man will, auch in Österreich finden.

Quelle: Tiszai Pet Kupa

Während also entlang der Donau zahlreiche zivile Organisationen und freiwillige Helfer Hand anlegen und mit Muskelkraft versuchen, dem Müllproblem Herr zu werden, beschränkt sich die höchste Kompetenz auf das Dokumentieren der Probleme. Besonders kurios ist die Suche der IKSD nach Plastik in der Donau, während gleichzeitig die Zivilgesellschaft Tonnen vor ihren Augen aus dem Wasser fischt. Wie gesagt, viele Müllquellen bestehen wie die IKSD seit Jahrzehnten – von „Experten“ anscheinend unbemerkt.

Peter Baumgartner

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