Lautes Schweigen

Lautes Schweigen

Auf die Stunde genau vor zwei Jahren, kam es am 29. Mai 2019 um 21:05, mitten in Budapest zu einem tragischen Schiffsunfall.

Ein ungarisches Rundfahrtschiff und ein Schweizer Kabinenschiff kollidierten in der Nähe des Parlamentes. Beide Schiffe befanden sich auf einer beliebten Sightseeing-Tour, um ihren Gästen die illuminierte Hauptstadt Ungarns zu zeigen. Genau bei der gemeinsamen Passage der historischen Margareten Brücke kam es zur Kollision und das kleine ungarische Schiff sank innerhalb weniger Sekunden. Die tragische Folge, 27 Personen sind ertrunken, 1 Person wurde bis heute nicht gefunden und nur 7 Personen überlebten die Tragödie. Unter den Toten befinden sich auch die beiden Besatzungsmitglieder des ungarischen Schiffes, das einer örtlichen Reederei gehörte. Nach dem Anlaufen der behördlichen Untersuchungen, wurde der ukrainische Kapitän des Kabinenschiffes rasch als allein Schuldiger geführt. In der Folge wurde der Beschuldigte mehrmals ver- und wieder enthaftet, darf aber Budapest seit der Havarie – also seit zwei Jahren – nicht verlassen. Derzeit befindet sich der Kapitän wieder unter behördlicher Beobachtung und muss jederzeit damit rechnen, wieder in Haft genommen zu werden. Ein weiterer ukrainischer Kapitän, dem ebenfalls Mitschuld angelastet wird, befand sich aber noch nicht in Haft.

In den vergangenen Jahren gab es mehrere Gerichtsverhandlungen, Zeugeneinvernahmen und Sachverständigen Anhörungen. Die letzte Verhandlung war am 27. Mai 2021. Nach wie vor bekennt sich der angeklagte Ukrainer, der die Unfallfolgen zwar stets tief bedauert, für nicht schuldig im Sinne der Anklage. Er und sein ungarischer Verteidiger führen auch gute Gründe an, warum es kein Schuldeingeständnis geben kann.

Fakt ist, die ungarische Justiz hält eine bis dato unbescholtene Person seit mittlerweile zwei Jahren in Gewahrsam, ohne Aussicht auf eine abschließende Verurteilung. Was es jedoch schon mehrfach gab, sind mediale Vorverurteilungen, die sich meist aus der Justiz verbreiteten und unbewiesene Anschuldigungen ergeben haben. Zuletzt wurde der Ukrainer medial als „Schweizer Monster Kapitän“ dargestellt.

Auffällig ist, noch nie gab es in der europäischen Binnenschifffahrt nach einem Unfall ein derart flächendeckendes Schweigen zu den Vorgängen, wie jetzt in Ungarn. Dabei hat der Unfall eine gewaltige internationale Dimension, wie es sie in der europäischen Binnenschifffahrt auch noch nie gegeben hat. Der beschuldigte Kapitän ist Ukrainer, arbeitete auf einem Schiff unter Schweizer Flagge das einer US-Reederei gehört und dessen Vorsitzender Norweger ist. Das beteiligte Schiff, dessen ertrunkene Besatzung und die Eigentümer sind ungarische Staatsbürger. Außer den beiden ungarischen Personen sind 25 (vermutlich 26) koreanische Personen ertrunken. Dass die sichtlich überforderten ungarischen Behörden den Fall noch nicht an ein internationales Gericht abgegeben haben, bleibt rätselhaft. Die US-Reederei antwortet auf Anfrage nicht, Schifffahrtsjuristen schweigen zum Thema, Schweizer und ukrainische Behörden schweigen, die Donaukommission schweigt, der ungarische Verteidiger des Beschuldigten ist offensichtlich an externen Hilfsangeboten nicht interessiert. Nahezu alle Kapitäne, die regelmäßig durch Ungarn fahren, egal welcher Nation sie auch sind wissen, dass sie tagtäglich – schuldig oder nicht schuldig – in die gleiche fatale Situation geraten können. Dennoch schweigen sie. Und letztlich schweigen auch Menschenrechtsorganisationen. Das ist zumindest eigenartig, denn würde man einen ausländischen Journalisten in Ungarn derart juristisch vorführen, die ganze Welt hätte schon längst das „Orban-System“ scharf verurteilt und mit Sanktionen gedroht. Nichts von all dem. Spekulationen sind dadurch natürlich Tür und Tor geöffnet. Unter der Hand, offline sozusagen, erfährt man Gerüchte, die an mafiöse Zustände glauben lassen. Zur Vollständigkeit muss man positiv anmerken, dass nur die Schweizer Gewerkschaft Nautilus bereits mehrfach auf die eigenartigen Zustände aufmerksam und selber schwere Vorwürfe öffentlich gemacht hat.

Am Montag, den 31. Mai 2021 wird am Unfallort ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer eingeweiht. Es bleibt zu hoffen, dass die abschließende Beurteilung des Unfalles und die Schuldfrage geklärt ist, bevor das Denkmal verfällt.

Peter Baumgartner

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