LET IT FLOW!

LET IT FLOW!

Am Wörthersee, Österreichs Lifestyle-Arena wird bald ein “Floating Conference Center” (FCC) schwimmen. Einen Namen hat das Schiff auch bereits: MS REICHTUM. Somit erfolgt nach der abgeschlossenen Übernahme der Lufthoheit und der Landnahme durch finanzkräftige Gruppen, nun auch die „Wassernahme“. Dank Tatenlosigkeit der Politik und der Behörden, die die Hände in den Schoß legen und es geschehen lassen, erreicht die Gentrifizierung rund um die Gewässer bald ihren Höhepunkt. Für „wehret den Anfängen“ ist es längst zu spät. Also lassen wir den Dingen weiterhin freien Lauf – auch den Tränen der Ohnmacht.

Die Gier und Maßlosigkeit der Investoren kennt keine Grenzen mehr, sagt ein Umweltschützer, der an der Spitze einer Volksbefragung mit 170.000 Unterstützern, gerade noch (vorübergehend) eine regionale Umweltzerstörung verhindern konnte. „Uferlos“ (Konstantin Wecker) geht aber nicht ohne Risse, Narben und Falten ab. Nicht nur nicht für Liedermacher, auch nicht für Investoren und auch nicht für einfache Bürger, die nach einer schleichenden Naturentfremdung noch immer nicht wissen, ob Reichtum für sie ein Lebensziel oder ein Feindbild ist. Mitte des Jahres haben jedenfalls die meisten Nationen ihren Jahresverbrauch an Ressourcen bereits verplempert. Manche, auch Österreich, schon viel früher. Das hält aber kaum jemand davon ab, weiterhin uferlos zu leben. Warum? Wir haben es uns verdient – hört man aus der Gated Community. Die Zeiten sind herausfordernd. Beruf, Familie, Umfeld. Ängste, Sorgen und Dauerstress kosten uns Kraft und leeren zunehmend rascher den Akku. Ändern können und wollen wir nichts. Wir haben uns damit arrangiert, dass Geld, Gier, Macht und schöne Frauen, Energie und Durchhaltevermögen erfordern.

Ausstellungsobjekt “Reichtum. Mehr als genug”/2013. Bild: IBBS

Aber zum Glück gibt es diese kleinen Hilfen, die uns bei jeglichem Unwohlsein über die Runden helfen oder vorbeugend wirken. Weniger betuchte Zeitgenossen machen auf Ballermann und verschaffen sich durch alkoholische Betäubung Erleichterung. Andere suchen Wohlbefinden bei Klangschale und Räucherstäbchen in Indien. Wer ordentlich „Kohle“ hat, kann sich auch einen eigenen „Guru“ leisten, der individuell und nach Tagesverfassung, sogar unter Berücksichtigung der Jahreszeit, den Raubbau an Körper und Geist lindern hilft.

Schwimmendes Badehaus in Wien. Bild: IBBS

So ein „Guru“ hat es also nicht leicht den richtigen Ausgleich für die Society zu schaffen, zumal immer Zeitdruck zwischen den Highlights herrscht. Selbst eine gefährde Art, braucht so ein Guru vor allem viele Ideen und kreative Lösungen. Er (oder sie) muss „neutrale“ Umgebungen mit unverbauten Panoramablick finden und wo das nicht möglich ist, selber erschaffen. Ein Guru braucht schlicht Visionen, um den anspruchsvollen Chalet-Besitzern vom Almresort, die mit dem Privatjet oder Heli-Shuttle einschweben, ein exklusives „Clubbing“ bieten zu können. Die Society und VIP’s sind eine fantastische Lodge-Lebensqualität ohne lästige Nachbarschaft gewohnt und werden darauf am Champagner-Hotspot Wörthersee ganz sicher nicht verzichten – solange die Behörden den Dingen freien Lauf lassen.

Orsos Islands / Bootinsel / Sonnendeck

So ein „Guru“ ist zum Beispiel Hannes Jagerhofer. Ein bekannter „Sinnstifter“ und „Vordenker“, wie es in der Eigenwerbung heißt. Er kann allen erklären, was man zum eigenen Wohlbefinden braucht. Seine aktuelle Idee ist (vordergründig) für Konferenzteilnehmer gedacht. Wie inszeniert man die karge Freizeit zwischen den Konferenzblöcken außergewöhnlich? Jagerhofer hat sich – ganz im Sinne von „uferlos“, ein „Floating Conference Center“ ausgedacht. Wer es sich leisten kann, soll nicht in einem muffigen Konferenzsaal vergammeln, sondern auf der schönsten Badewanne Österreichs, mitten auf dem Wörthersee, am außergewöhnlichen Meeting teilnehmen und gleichzeitig Erholung pur in den Pausen mit „direktem Seezugang“ genießen. Kulinarische Verwöhnung inklusive, versteht sich. Angenehmer Nebeneffekt, man kann „auf hoher See“ diese lästigen Touristen und Glotzer, die sich in und um Nobelrestaurants an Land herumtreiben, einfach auf Distanz halten.

Bild: Seminarschiff Berlin

Gut, ganz so außergewöhnlich ist die Idee mit dem schwimmenden Konferenzschiff ja nicht. Wirtschaftskammer-Boss Christoph Leitl hatte die Idee vom MS SCIENCE schon 2005 kreiert und schon da war es nicht mehr ganz visionär. Auch die „Tagungsinsel“ am Wörthersee geisterte schon viel früher herum. In Berlin schufen so bekannte Herren wie Heiner Geißler, Westerwelle, Möllemann und Friedrich Merz, den schwimmenden „Club of Berlin“ (2000). Abgesehen von den zahlreichen „Floating-Residence“ Projekten in lauschigen Meeresbuchten, gab oder gibt es schwimmende Projekte an Binnengewässern für fast alle Verwendungen. Schwimmende Büros, Redaktionen, Gefängnis, Schule, Theater, Kindergarten, Flüchtlingsheim, Häuser, Hotels, Restaurants, Fahrradgaragen und Krankenhäuser. Sauna, Badeschiff und Wellnessschiff, einen schwimmenden Hubschrauberlandeplatz, Tennisplatz, Fußballfeld, Soccer-Spielplatz und ein schwimmendes Rechenzentrum. Sogar eine schwimmende Ideenschmiede gibt es genauso, wie eine schwimmende Kirche oder Bäckerei. Viele dieser schwimmfähigen Projekte haben allerdings einen Nachteil. Sie hängen an einer Nabelschnur, an einem „Landanschluss“. Sie sind selten oder gar nicht „auf hoher See“, sondern liegen am Ufer vertäut.

“Club of Berlin” Bild: IBBS

In Abhängigkeit von der Art des Schiffes und der Gewässerzone, macht das nämlich einen wesentlichen Unterschied bei der behördlichen Zulassung. Schiffe sollen bekanntlich fahren und unterliegen daher anderen Vorschriften als schwimmende Projekte, die irgendwo am Ufer vertäut liegen. Das Wörthersee-Konferenzschiff soll mit 20 km/h und mit mehr als 200 Passagieren über den See fahren. Laut Jagerhofer soll es ein Schiff und kein Schwimmkörper sein. Obwohl, dem Landesjuristen scheint es lieber zu sein, wenn man das Ding als Schwimmkörper „durchwinken“ könnte. Mit der Konzession für ein Schiff wird es nämlich kompliziert. Da werden spezielle Fragen den Schiffbau betreffend zu berücksichtigen sein. Welche Besatzung wird vorgeschrieben. Können diese ihre Ruhezeiten an Bord wahrnehmen. Woher kommt das Trinkwasser, wie geht man mit dem Abwasser/Müll um. Wie ist das geregelt, wenn aus Konferenzteilnehmern Badegäste werden. Wie ist das mit der Evakuierung der Konferenz/Badegäste. Nicht selten fällt so ein Paragleiter/Sportflieger vom Himmel und landet ausgerechnet im See. Gelegentlich wird womöglich auch ein alkoholisierter Bootsfahrer die „Insel“ übersehen. Vielleicht werden auch Konferenzteilnehmer mit eingeschränkter Mobilität an Bord willkommen sein, dann braucht es für sie auch spezielle Maßnahmen. Wer ist überhaupt der „Kapitän“ und damit verantwortlich im Sinne des Schifffahrtsgesetzes am Schiff. Bei Sturm oder Gewitter kann es ungemütlich an Bord werden. Gibt es dann Hilfsorganisationen, die über entsprechende Infrastruktur verfügen. Wer macht die Kommunikation und in welcher Sprache. Wenn das schwimmende Konferenzzentrum angeblich elektrisch fahren soll, braucht es viele Akkus, von denen bekanntlich eine erhebliche Brand/Explosionsgefahr ausgeht. Weil von dem Schiff vermutlich auch Unterwasserlärm ausgehen wird, wenn es länger an einem Platz auf dem See schwimmt, kann man die Fischer vielleicht noch mit einer regelmäßigen „Spende“ besänftigen. Aber wie hält man Schwimmer und Taucher fern, wenn die Propeller laufen. Zusätzlich können Seile, Ketten oder Anker zur Gefahr werden. Letztlich ist noch zu klären, wie und wo das „Schiff“ zur periodisch vorgeschriebenen Kontrolle an Land kommt. Es gilt jedenfalls eine Menge zu bedenken bei so einer Vision, denn sicher ist – frei nach Murphys-Gesetz, wenn etwas passieren kann, dann wird es auch passieren. Darauf sollte man möglichst gut vorbereitet sein, denn hinterher heißt es immer, „damit konnte niemand rechnen“, „das hat es noch nie gegeben“.

Murinsel in Graz. Bild: IBBS

Das Convention-Land Kärnten wirbt derweil unbeirrt mit Perspektivenwechsel: CHANGE YOUR PERSPECTIVE! Kein Slogan sondern gelebtes Programm. Im Süden Österreichs tagt man in den „ungewöhnlichsten Denkräumen“. Hier gibt es außergewöhnliche Bühnen mit Weitblick, Fernblick und jetzt kommt Uferlosigkeit dazu. Oft reicht es, einfach den Standort zu wechseln, um einen Standpunkt zu verändern, sagen die Kärntner Werbeexperten und sie wissen genau, worauf ihre Kunden anspringen. Und die Klientel ist da. Die teuersten Immobilien liegen um den Wörthersee. Krisen hin oder her, die „Flucht in die Luxusmarken“ (Georg Wailand) ist ungebrochen. Man muss sich nur mit den Behörden und Politikern “arrangieren”. Probleme macht immer nur die Umwelt, die geschützt werden soll und diese lästigen, keifenden Gretas, die glauben, weniger ist mehr und so einen Quatsch. Aber am Wörthersee, der „uns allen gehört“ und gleichzeitig nahezu völlig privatisiert ist, trägt man ohnehin Verantwortung und pflegt nachhaltiges Schaffen (laut Kärnten-Werbung). Stolz präsentiert man das Österreichischen Umweltzeichen. Alles gut, alles in Ordnung. Hier ist genau der richtige Ort für „Visionen“.

Aber Achtung! Das Wörthersee-Mandl steht noch immer wachsam da und wird zunehmend grantiger. Als die Menschen vor langer Zeit schon mal tugendlos wurden, schuf er den Wörthersee und lies alle darin ertrinken. Vielleicht lässt er das nächste Mal, wenn er wieder voller Groll ist, den ganzen schönen See einfach verschwinden…

Übrigens, am Wörthersee sind schon öfter Vision in den Fluten versunken. Man erinnere sich an die hoch subventionierte Seebühne. Das längste und erfolgreichste Stück, das dort gespielt wurde, war eine „Tragödie“ und die sorgte noch nach ihrer Versenkung lange Zeit für politische und juristische Wellenbildung. Nicht viel besser erging es dem visionären, historischen Gleitschiff, das die Geschichte der K.u.K-Marine auferstehen lassen wollte. Selbst beim „meist bestaunten“ fast Solar-Schiff nützte es letztlich nichts, dass am Start gar der Bundeskanzler und der Landeshauptmann das Steuerrad in der Hand hatten. Womit jedoch nicht gesagt sein soll, dass bisher alle Ideen schlecht waren/sind. Im Gegenteil. Für sich genommen sind sogar alle Projekte gut – sogar das schwimmende Konferenzzentrum. Allerdings werden Ideen selten zu Ende gedacht und fahren deshalb früher oder später gegen die Wand.

Bild: IBBS

Mit „Genießen Sie Kärnten“, wirbt die SPÖ und verspricht, „Wir schützen freie Seezugänge für alle“. Bei genauerer Betrachtung sieht man allerdings den Segregationsprozess und die Differenzierung beim „freien Seezugang für alle“, der das Herzensanliegen des „sozialdemokratischen“ Landeshauptmannes Peter Kaiser ist. Es klingt paradox, wenn ausgerechnet jetzt, wo längst alles gelaufen ist, die SPÖ-Umweltsprecherin Julia Herr meint, es kann nicht sein, dass sich Menschen auf wenigen Quadratmetern Ufer zusammendrängen müssen, während einige Wenige riesige Seegrundstücke „blockieren“. Dazu muss man wissen, dass die SPÖ seit 1945 das Land fast durchwegs regiert und nicht nur der Wörthersee fest in privater Hand ist, weil diese Partei den Dingen immer ihren freien Lauf gelassen hat. Während die Premium-Plätze mit „Seeanstoss“, wie es die Schweizer kurz und hart bezeichnen, den „Schönen & Reichen“ überlassen wurden, „genießen“ einfache Bürger und Touristen den Zugang zum Wasser über eine steile, kaum begehbare, geschweige denn rollstuhlfähige Hühnerleiter, die in ein Wasserloch am Schilfufer mündet.

“Freier Seezugang” Wörthersee. Bild: IBBS

Solche „geschützten“ Seezugänge sind im Gegensatz zu den Premium-Plätzen auch mit vielfältigen Verboten belegt und die Verrichtung der Notdurft im Wasser erscheint angesichts der vorhandenen sanitären Einrichtungen noch allemal verlockender und ist für das Gewässer auch schon egal, denn mitunter mündet der Straßenkanal direkt in den freien, „geschützten“ Seezugang. Der politische Werbeslogan lautet folgerichtig und ist nicht gelogen: Der See gehört allen (nur den Zugang muss man halt regeln). Man kann getrost behaupten, jetzt befinden wir uns in einer Situation, in der alle Werte des Landes privatisiert sind. Entscheidend, weil es praktisch einem Freispruch gleichkommt, ist stets die Verteidigung, „alles wurde ordentlich geprüft, entspricht der geltenden Rechtslage und ist daher zu bewilligen“. Auf die Idee, dass man eine offensichtlich falsche Rechtslage auch ändern kann, kommt anscheinend niemand. Die heutigen, leicht durchschaubaren Forderungen der „Sozialdemokraten“ nach einem verfassungsrechtlichen „Recht auf Naturzugang“ und der Kampf gegen „unfairen“ Reichtum, sind selbst für Wahlzeiten mehr als beschämend. Die „aufsteigende“ Künstlerin Billi Thanner erklärt, es kommt nicht darauf an, welches Leben wir führen, sondern auf welchem Niveau…

Beitragsbild: “Reichtum. Mehr als genug”/2013; Eine Ausstellung im Deutschen Hygiene Museum/Dresden. Kurator und Gesamtleitung: Prof. Daniel Tyradellis. Bild: IBBS

Peter Baumgartner

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