Not forgotten – Du sollst nicht vergessen

Not forgotten – Du sollst nicht vergessen

Die Seefahrt ist das Rückgrat des internationalen Handels, sagt man. 80 Prozent des Handelsvolumens wird mit Seeschiffen transportiert, auf denen 1,6 Mio. Seeleute ihren Job machen.

Tatsächlich sind noch nie so viele Amazon-Galeeren über die Weltmeere gefahren wie jetzt. Grund genug, meinen viele Landratten, um sich bei diesen Seeleuten zu bedanken. Der Dank kommt allerdings nicht von Amazon & Co., sondern von der Gewerkschaft und anderen Leuten die glauben, wenigstens zu Weihnachten muss man sich um die Seeleute „kümmern“. Aber was ist das Rückgrat ohne Gliedmaßen? Ohne funktionierenden Hinterlandverkehr mit Binnenschiffen, Bahn und LKW, wäre in den Seehäfen für den Seetransport bald Schluss mit Lustig. Sollte man deshalb nicht gerade in der Transportwirtschaft den gesamten „Körper“ als Einheit betrachten und danach trachten, dass Be- und Entlastung gut verteilt sind? Übrigens, auch Passagierschiffe transportieren „Ware“ im weitesten Sinn des Wortes. Das wird bei den wissenschaftlichen Betrachtungen und Lobeshymnen an die Seefahrer sogar zu Weihnachten gerne vergessen. Für die Crew an Bord macht es aber nicht viel Unterschied, ob die Ware einen Kopf hat oder nicht. Im Gegenteil! Während sich oben die „Ware“ breit macht, die Beine hochlagert und Sekt schlürft, muss sich die Crew unten im finsteren Bug-Loch kauernd in einer kurzen Pause zu entspannen versuchen.

Die im Dunkeln sieht man nicht.   Bild: McRonalds

Weihnachten und der „Gruß an Bord“ ist jedenfalls eine bekannte und lieb gewordene Geste der Landbevölkerung an die Bordbewohner. Allerdings ist diese Frohbotschaft in aller Regel nur an die Seefahrer gerichtet. Sehr beliebt ist der „Gruß an Bord“ am Heiligen Abend, der durch den Norddeutschen Rundfunk (NDR) schon seit 1953 ausgestrahlt wird. Um ja alle Seeleute auf allen Weltmeeren zu erreichen, nützt der Sender gleich mehrere Kanäle und lässt nicht nur Angehörige der Seeleute, sondern auch Politiker und „Wirtschaftskapitäne“ stundenlang zu Wort kommen, damit diese ihre „Frohe Botschaft“ über den Äther an die Seeleute schicken können. Selbst wenn der Seemann gerade auf der Elbe, beim Funkhaus um die Ecke, neben seinem Binnenschifferkollegen schippert, der „Gruß an Bord“ ist nur an den Seemann gerichtet. Sogar der Vatikan vergisst nicht, an die “essential workers“ auf den Seeschiffen zu erinnern und ihnen einmal im Jahr zu danken. Selbst für die Klassenlehrerin, die ihr anvertraute Kinder erzieht, verdienen nur die „echten“ Seeleute selbst bemalte Grußkarten. Weihnachtsgrüße von Spitzenpolitikern sind allerdings limitiert und unterliegen den jeweiligen Prioritäten, die jeder halt so für sich selber setzen muss. Der deutsche Verkehrsminister Ramsauer hat sich zu Weihnachten noch dankbar an die Seeleute gewendet. Der neue deutsche Verkehrsminister bevorzugt die „Lieben LKW-Fahrerinnen und Fahrer“ und wünscht ihnen frohe Weihnachten. Jedenfalls sind Binnenschiffer in der Spitzenpolitik durchwegs eine ignorierte Spezies. Kein Wunder, Binnenschiffer arbeiten eher wenig für Amazon & Co.

Zum Glück gibt es mancherorts noch ein paar kirchliche Organisationen, die das Weihnachtsfest nützen, um den Binnenschiffern auch da das Gefühl zu geben „ihr seid nicht vergessen“. Nur, sie fallen weniger auf, sind nicht so laut, weil sie ihren seelsorgerischen Job ohnehin das ganze Jahr und ohne mediales Tamtam machen. Wenn das Kirchenboot in Duisburg ausläuft und kleine Weihnachtsgeschenke zu den Schiffen bringt, macht es keinen Unterschied zwischen Seefahrern und Binnenschiffern und es ist eine Ausfahrt unter vielen im Jahresverlauf. Und Kaplan Bernhard van Welzenes, mit seinem schwimmenden Schifferzentrum in Nijmegen, eine christliche Institution auf dem Wasser, würde sowieso nie auf die Idee kommen, einen Unterschied zwischen Seemann und Binnenschiffer zu machen. Auch die Flussschifferkirche in Hamburg mit ihrer Kirchenbarkasse „Johann Hinrich Wichern“ (Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen können, muss die Kirche zu den Menschen kommen), kümmert sich nach Kräften das ganze Jahr rührend um alle Schiffsleute. In Bremen, an der Weser, wirkt schon seit 1886 die Seemanns- und Flussschiffermission und ist mittlerweile in vielen Städten weltweit aktiv. Ihre Botschaft an alle Fahrensleute lautet: „Wir an Land wissen um Euch“ – nicht nur zu Weihnachten. Ob in den Docklands auf der floating church „St. Peter’s Barge“, auf dem bateau-chapelle „Je Sers“ in Frankreich, am „Kerkschip St. Jozef“ in Antwerpen, oder unter den goldenen Zwiebeltürmen der schwimmenden, orthodoxen Kirche „St. Vladimir“ auf der Wolga, überall wo christliche Organisationen ihrer Berufung nachgehen, finden neben Binnenschiffern auch alle anderen Menschen nicht nur zur Weihnachtszeit einen sicheren Hafen.

„St. Vladimir“  Bild: Patriarchat Moskau

Der „Gruß an Bord“ für Seeleute zur Weihnachtszeit soll aber dennoch nicht relativiert werden. Jedoch, einsame und arbeitende Menschen in Schlüsselfunktionen, fern der Heimat, gibt es in vielen Berufen. Gut möglich, dass für manche Besatzungsmitglieder auf Binnenschiffen oder Seeschiffen das einsame Bordleben fern der „Heimat“ eine Fluchtchance bietet, um einem, mitunter anstrengenden Familienleben, oder einer belastenden Partnerschaft entfliehen zu können. Streit, Missverständnisse und falsch verstandene Erwartungshaltungen, können leicht einen Fluchtreflex auslösen. Durch den Gang an Bord gewinnt man Abstand, ohne gleich eine finale Trennung heraufzubeschwören. Deshalb ist es eine etwas verklärte Sicht von außen, wenn man die Einsamkeit oder das Heimweh von arbeitenden Menschen auf Schiffen generell bemitleidet. Ein untrügliches Zeichen, wie es einem Besatzungsmitglied geht, ist nicht selten ein nach außen sichtbar werdender Tranquilizer-Konsum, für den Schifffahrtspolizisten in der Regel kein Verständnis zeigen und nur eine Abstrafung wegen Alkoholkonsum übrighaben. Aktuell ist die psychische Belastung an Bord ein Schwerpunktthema für die Arbeitsmedizin – auch in der Binnenschifffahrt. Übers Jahr verteilt, könnten diesbezügliche Hilfen und Unterstützungen an die schwimmenden Seelsorger vielleicht mehr Erfolg versprechen, als gut gemeinte Grußbotschaften an einem Tag im Jahr.

Wenigstens sollte man nicht so deutlich zwischen Seemann und Binnenschiffer unterscheiden. Obwohl, der Beruf Binnenschiffer ist heterogen. Die Einsamkeit eines Hafenschiffers oder eines Fährmannes, der jeden Tag nach Hause geht, ist natürlich nicht vergleichbar mit einem Binnenschiffer, der 3000 Kilometer entfernt vom Heimathafen seinen Dosenvorrat inspiziert um zu schauen, ob es noch für 14 Tage reicht. Viele Binnenschiffer haben aber ihren Partner und zumindest zeitweise sogar die Kinder an Bord, während andere wieder selbst die Geburt der eigenen Kinder berufsbedingt versäumen müssen. Und entgegen vermeintlich allgegenwärtiger Digitalisierung, gibt es an Bord, egal ob See- oder Binnenschiff, oft „keinen Anschluss unter dieser Nummer“, oder eine Netz-Verbindung ist schlicht zu teuer.

Fakt ist, dass jedes Schiff ein zeitweise abgeschlossenes, nach eigenen Regeln funktionierendes System in einer eigenen Umwelt, der Wasserstraße, ist. Früher gab es auf einem Schiff auch noch zwei Subsysteme. Die Offiziere einerseits und die Mannschaft anderseits, lebte weitgehend getrennt voneinander. Wer glaubt, dass das heute nicht mehr so ist, kann sich leicht irren, denn auf Kreuzfahrtschiffen lebt die Crew des Hoteldirektors ein anderes Leben, als die Crew des Kapitäns. Auch wenn es die räumliche Trennung nicht mehr gibt, die Einsamkeit kann allgegenwärtig sein.

Peter Baumgartner

Translate »