Schiffbau in der Ukraine

Im Zusammenhang mit dem Schiffbau in der Ukraine, denkt man hauptsächlich an die militärische Seemacht und an „Jagd auf Roter Oktober“ der ehemaligen Sowjetunion. Die Ukraine und die dort angesiedelten Werften, waren jedoch ein bedeutender Teil davon.

REDAKTION: PETER BAUMGARTNER.

Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, kämpft die Ukraine als unabhängiger Staat noch immer um die einstige Bedeutung gegen eine mächtige internationale Konkurrenz – und gegen interne Malversationen. Obwohl, 2019 wurde in der Ukraine vor dem Hintergrund des Krim Konfliktes, zumindest eine Absichtserklärung zur Entwicklung einer Marinestrategie abgegeben, die auch der Schiffbauindustrie helfen sollte. Aber, „Die Ukraine war, ist und wird ein Seestaat sein“ (Poroschenko), bedeutet auch, dass die Schiffbauindustrie Sextant und Kompass schnell und zielorientiert einsetzen muss, wenn auch der international umkämpfte kommerzielle Schiffbau an Bedeutung gewinnen soll.

Wie überall auf der Welt, setzt ein Warenaustausch über Seehäfen, einen funktionierenden Hinterlandverkehr voraus. Zumindest einzelne Erfolge sind in der Ukraine aber schon sichtbar und zeigen, dass Potential vorhanden ist. Ein wesentlicher Hoffnungsträger für den Schiffbau in der Ukraine ist die Absicht der Regierung, in die Wasserstraßeninfrastruktur und in die Binnenschifffahrt zu investieren. Derzeit befindet sich ein Gesetz in Ausarbeitung (vor Redaktionsschluss noch offen), dessen Ziel es ist, das Potential der Binnenschifffahrt voll auszuschöpfen. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg. Von den 66 Mio. Tonnen, die in den 90er Jahren auf Flüssen der Ukraine transportiert wurden, sind jetzt gerade noch etwa 12 Mio. Tonnen übrig.

Damit ist natürlich auch der ursächliche Zusammenhang mit dem Bedarf an inländischer Nachfrage im Schiffbau erklärt. Hier setzt die Regierung mit dem neuen Gesetz an. Wenn es gelingt, die zahlreichen unterschiedlichen Interessen in der Flussverkehrsreform zu bündeln, gibt es eine reelle Chance, dass auch der Schiffsbau in der Ukraine davon profitiert.

Fehlende staatliche Unterstützung ist jedoch nur ein Teil des Problems. Die Ukraine leidet wie viele andere Ostblockstaaten unter der Abwanderung von Fachpersonal. Gerade der Schiffbau lebt aber von gut ausgebildeten Experten. Daher müssen und werden auch bereits Wege gesucht, um für die wachsende Nachfrage auch ausreichend Personal zur Verfügung zu haben. Die Smart Maritime Group (SMG) hat zum Beispiel ein Projekt mit dem Namen „Schiffbauer – Beruf der Zukunft“ initiiert.

In diesem Rahmen konnten im vergangenen Jahr immerhin 700 Schüler die Arbeit auf der Werft hautnah erleben. Noch immer eine Galionsfigur für angehende Schiffbauer ist die nun schon historische Admiral Makarov Universität für Schiffbau in Nikolaev. Die einzige international anerkannte Universität für Schiffbau in der Ukraine feiert 2020 das 100jährige Gründungsjahr. 7500 Studenten aus verschiedenen Ländern belegen aktuell eines der zahlreichen universitären Angebote.

Die SMG Werft ist das größte Schiffbauunternehmen in der Ukraine und vereint zwei Werften in Nikolaev und Kherson. Kunden der Werften sind Unternehmen aus den Niederlanden, Norwegen, Großbritannien und anderen Ländern der Welt. So konnten die Schüler beispielsweise sehen, wie der Chemikalien-Tanker „SYNERGY“ in der Kherson Shipyard für die niederländische VEKA Shipbuilding B.V gebaut wurde.

VEKA zählt schon zu den Stammkunden von SMG und unterstützt den ukrainischen Schiffbau dadurch auch bei einem weiteren Problem: Die Finanzierung. Ohne Finanzierungshilfe aber mit Importsteuern hat es der Schiffbau genauso schwer, wie ohne Fachpersonal. Eine zentrale Forderung der Schiffbauer an den Staat ist daher, für die nötige Anziehungskraft von Investoren zu sorgen.

Relativ schnell entwickelt sich die Binnenschifffahrt mit privater Initiative und damit die Nachfrage im Schiffbau, im Bereich der Agrarwirtschaft. Die Ukraine ist in der glücklichen Lage, Agrarprodukte weit über den Eigenbedarf hinaus produzieren zu können. Der Export von Agrarprodukten ist ein typisches Geschäft für die Binnenschifffahrt. Daher verwundert es nicht, dass aktuell gerade in diesem Transportbereich die Binnenschifffahrt und der Schiffbau auch im Inland stärker nachgefragt wird.

Die Wasserstraße ist ein strategischer Weg vom Feld zum Meer. Der ukrainische Getreideverband geht davon aus, dass aktuell 59 Mio. Tonnen Getreide für den Export zur Verfügung stehen (98 Mio. Tonnen Ernte). Und daran wird sich in Zukunft nichts ändern, wenn die Nachfrage am Weltmarkt erhalten bleibt. Folglich müssen die Transportmöglichkeiten besser wahrgenommen werden. Insgesamt werden nur 10 Prozent auf der Wasserstraße transportiert (Bahn 70%, LKW 20%). In der Dnepr-Region werden zum Beispiel 44 Mio. Tonnen Getreide geerntet, aber nur 5 Mio. am Fluss transportiert.

Das landwirtschaftliche Unternehmen NIBULON (Akronym für die Gründerstädte Nikolaev, Budapest, London), wurde 1991 in der Ukraine gegründet und zählt zu den Pionieren des neuen Staates. Das Agrarunternehmen besitzt auch eine eigene Reederei (seit 2009) mit fast 100 Schiffen, eine eigene Schiffbauwerft (seit 2012), zahlreiche Umschlagseinrichtungen und verwaltet mehr als 80.000 ha Agrarfläche.

1998 wurde, erstmals in der Ukraine, Geld von der Weltbank an das Unternehmen vergeben. Inzwischen kann NIBULON sich schon mehrmals als ausgezeichneter Getreidehändler des Jahres bezeichnen und durfte 2008 sogar an Nahrungslieferungen der Vereinten Nationen teilnehmen. Aktuell transportierte die Reederei NIBULON etwa 3.8 Mio. Tonnen auf der Wasserstraße. Die Zielsetzung ist, in naher Zukunft 6 Mio. Tonnen zu transportieren. Um die Wasserstraße besser nutzen zu können, finanziert NIBULON sogar selber den Ausbau der Wasserstraßeninfrastruktur auf den Flüssen Dnepr und Bug.

„Die Wiederbelebung der Schifffahrt und des Schiffbaus, sind äußerst notwendige und wichtige Impulse für die Entwicklung der ukrainischen Wirtschaft. Unser Unternehmen hat es geschafft zu beweisen, dass die Schifffahrt und der Schiffbau ein enormes Potenzial haben und die Entwicklung der Logistik, der Metallurgieindustrie, der Bauindustrie und der gesamten Wirtschaft des Landes dienen“, sagte der NIBULON-Generaldirektor. Bisheriger Höhepunkt in der Konzern Flotte und im Schiffbau war die Inauguration des Selbstladers NIBULON MAX im September 2019.

Ocean Shipyard LLC ist eine Werft in Nikolaev am Schwarzen Meer mit wechselvoller, 70ig-jähriger Geschichte und war in der Sowjet Ära ein Vorzeigebetrieb, wo gleichzeitig an 27 Schiffen gebaut wurde und mehrere tausend Arbeiter Beschäftigung fanden. Nach der Staatenteilung wurde das Unternehmen privatisiert, hatte klingende Namen der Schiffbauindustrie, wie Damen Shipyards oder Aker, als Eigentümer im Haus.

Seit 2018 hat die Werft einen ukrainischen Eigentümer, der trotz widrigster Umstände wieder Aufträge einfahren und Mitarbeiter aufnehmen konnte. Aber die Gefahr ist nicht gebannt. Viele Altlasten schweben noch bedrohlich über den Köpfen der Werftarbeiter, die allerdings fest entschlossen sind, um ihre Werft zu kämpfen. Tatsächlich haben die Mitarbeiter in den letzten Monaten ein kleines, aber beeindruckendes Beispiel ihrer Leistungsfähigkeit erbracht. Trotz politischer und juristischer Steine am Weg, ist es den 700 Mitarbeitern in der Werft ausgerechnet mitten in der Corona-Krise gelungen, zwei Schubleichter termingerecht zu exportieren.

Der Heimathafen für die neuen, von Eurobulk Transport Maatschappij / NL bestellten Fahrzeuge, wird Dordrecht sein, wo sie noch im Mai ankommen und von der französischen Reederei TOUAX übernommen werden. Die Donaustadt Ismail, im Donaudelta gelegen, ist nicht nur ein wichtiger Handels- und Passagierhafen in der Ukraine, sondern auch ein Schiffbauzentrum von historischer Bedeutung – und schwer gezeichnet vom Zerfall der Sowjetunion mit all den negativen Folgen in wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Was die beiden Werftstandorte in der Stadt in den letzten Jahren gebaut und repariert haben, hatte jedenfalls nicht immer etwas mit einem Aushängeschild zu tun, das man als aufstrebender Industriestandort gerne der Weltöffentlichkeit zeigen würde.

Jetzt arbeiten die Schiffbauer in Ismail an einem Projekt, dass vielleicht auch endlich ihnen Geld und Anerkennung bringen wird. Denn sie, die Schiffbauer und ihre Familien, für die es in der Region kaum alternative Verdienstmöglichkeiten gibt, sind die tatsächlich Leidtragenden der Situation. Das aktuelle Projekt mit dem Namen „D-6000“ ist ein See/Fluss Güterschubleichter für Getreidefracht im Inland und soll in der zweiten Jahreshälfte abgeliefert werden. Auftraggeber für diesen Bau ist die Agrarholding AgroVista. Einer der größten internationalen Getreidehändler in der Ukraine, der gerade sein 20jähriges Jubiläum gefeiert hat. AgroVista folgt dem Trend in der Agrarwirtschaft, die eigene Logistik zu entwickeln. Darüber hinaus hat AgroVista erkannt, dass die Transportkosten auf der Wasserstraße niedriger sind, als auf der Straße oder Schiene. Das soll auch den Landwirten zugutekommen. Bis zur Fertigstellung des Projektes, kann in dem Land aber noch viel passieren. Vorsichtiger Optimismus ist aber angebracht.

Nach Angaben der Werft handelt es sich bei dem Neubau um den größten jemals in der Ukraine gefertigten Schubleichter. Tatsächlich ist das Fahrzeug mit 127,6 Meter Länge und 16,30 Meter Breite von einer Größe, die nicht alltäglich ist. Bei einem Tiefgang von 3,80 Meter, wird die Ladekapazität beachtliche 6.000 Tonnen am Fluss betragen. Zwei Laderäume ermöglichen den Transport von zwei unterschiedlichen Ladungen. Ismail hat bisher nur Schubleichter gebaut, die weniger als 2000 Tonnen transportieren können. Nun hofft man vor Ort, dass bald Folgeaufträge einlangen. Die Werftleitung versichert, dass sie gut vier solcher großen Schubleichter im Jahr bauen kann.

In Russland feiert man zu Ehren der Schiffbauer jedes Jahr den „Tag des Schiffbauers“ (10. Oktober), dessen Entstehung zurückreicht auf den Beginn des Schiffbaues im Jahre 1696. Obwohl die Ukrainer bewiesen haben, dass sie Schiffe bauen können, wird der Feiertag für die Schiffbauer in der Ukraine noch nicht zelebriert. Aber selbst der weltweit führende Schiffbauer DAMEN Shipyard, vertraut schon lange auf die ukrainischen Schiffsdesigner Marine Design Engineering Mykolayiv (MDEM) und unterhält ein eigenes Büro vor Ort. Vielleicht sind die aktuellen Entwicklungen im Schiffbau auch für den ukrainischen Staat Anlass, endlich seine Facharbeiter im Schiffbau entsprechend zu würdigen. (PB)

Quelle: Binnenschiff Journal 3/2020

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