Wasserbau (6) – oder wie die Biodiversität den Bach runter geht

Wasserbau (6) – oder wie die Biodiversität den Bach runter geht

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht“ (Gen 1,28).

Zwischen Binnenschiffern und Wasserbauern herrscht seit jeher eine ambivalente Beziehung. Miteinander können sie nicht und ohneeinander auch nicht. Zu Beginn der großen Kraftwerksbauten und mit dem Beginn der grünen Widerstände gegen die Flussverbauung argumentierte die Wasserbauwirtschaft, dass man ja alles nur zum Wohle der Schifffahrt macht, die dringend eine hindernisfreie Wasserstraße braucht, um der Wirtschaft und dem Tourismus dienen zu können. Die Reedereien konnten diesem Argument kaum widersprechen, obwohl man natürlich wusste, dass eine leicht zu befahrende Wasserstraße auch Konkurrenz anlockt. Aber da halfen zunächst noch staatliche Regulierungen und Monopolstellungen über die Bedrohung hinweg. Für die Kapitäne selber war die zweifelhafte Fürsorge der Wasserbauer weit mehr bedrohlich. Nicht nur, dass diese Wasserbautätigkeiten mit den privilegierten Gerätschaften dauernd „im Weg“ standen und neue Probleme schafften, erfahrene Kapitäne wussten genau, sobald die nautischen Herausforderungen einer Wasserstraße beseitigt sind, kann jeder Depp mit einem Schiff drauf fahren. Also war der Arbeitsplatz bedroht. Anderseits brachte natürlich eine „nasse Autobahn“ auch für die besten Nautiker gewisse Erleichterungen. Letztendlich hat nicht nur der frei fließende Fluss, sondern auch der Kapitän und der Reeder gegen den Wasserbauer verloren. Beide haben jetzt mit der zu erwartenden Konkurrenz zu kämpfen und der Fluss verdient seinen Namen nicht mehr.

Einer der berühmtesten Wasserbauer der Geschichte, der Flussbaumeister Johann Gottfried Tulla (1770-1828), saß um 1800 vor einer Rhein-Karte mit den unzähligen Verzweigungen, die wie Adern willkürlich durch das Land mäanderten. Das ständige Hochwasser des Flusses, machte den Menschen große Sorge. Deshalb sollte Tulla einen Weg finden, wie man das Wasser bändigen könnte. Tulla’s Idee, ein Fluss braucht nicht mehr als nur ein Bett. Damit war der Rhein in seiner bisherigen Form Geschichte. Da half auch der Widerstand der ersten Au-Besetzung nichts. In der Knielinger Au kämpfte wie in Hainburg, mehr als 150 Jahre vorher, der Staat gegen das Volk mit Waffengewalt. Anders als in Hainburg, siegte am Rhein der Staat und Tulla`s Plan. Damals hatten die Menschen zwar noch keine Ahnung von den Auswirkungen einer harten Flussregulierung. Aber sie ahnten, dass ein Eingriff in die Natur schlimme Folgen haben könnte. 200 Jahre nach den gefeierten „Erfolgen“ von Tulla, sind die Eingriffe in die Natur und deren Folgen deutlich sichtbar. Durch Tulla`s Wasserbau verschwanden über die Jahre 2/3 der Wasserfläche am Rhein. Der damit verbundene ökologische Schaden, war für Tulla noch kein Thema. Erst 2019 wurde erstmals am Rhein mit der Tulla-Methode gebrochen. Die unter unendlich schwerer Fronarbeit aufgeworfenen Ufersteine südlich von Mainz wurden von der deutschen Wasserverwaltung entfernt. Die von Tulla verhasste Au wird wieder zum wertvollen Gut für die Menschen. Auch das Problem der Sohle Eintiefung und die Sedimentproblematik mit allen damit verbundenen Gefahren in einem gezähmten Fluss, wurde am Rhein längst schmerzhaft realisiert und sie werden die Verantwortlichen als ewige Baustellen noch lange schwer beschäftigen. Tulla hatte sicher gute Absichten. Er wollte die Menschen vor dem Fluss schützen, heute ist es umgekehrt. „Es gibt Naturgesetze, aber der Mensch ist berechtigt und sogar dafür bestimmt, diese Naturgesetze im Interesse der Menschen zu ändern“, glaubte Tulla. Damit hat er sich wie viele Wasserbauer nach ihm, gewaltig geirrt.

Sedimentnachschub auf dem Weg zur Donau

 

Die beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen des Wasserbaus und sogenannter Renaturierungsmaßnahmen, können nie endgültig vorhergesagt werden. Ein vorausschauender Blick auf Eingriffe in natürliche Abläufe ist, wie man am Beispiel Tulla sieht, nicht möglich, sagen Wissenschaftler.  Was man machen kann, deshalb gibt es Umwelthistoriker, ist die Feststellung, ob Entscheidungen in der Vergangen richtig oder falsch waren. Da lautet die gängige Diagnose, die meisten Prognosen in der Vergangenheit haben eines gemeinsam, sie waren falsch. Die Zustände heute, sind die Fehler der Vergangenheit. Den Beweis für diese Diagnose liefert der Wasserbau selber: Fehler der Vergangenheit werden mit viel Aufwand und gewaltigen finanziellen Mitteln rückgängig gemacht, lautet die gängige Begründung für vermeintlich oder tatsächlich notwendige Wasserbauten. Genauer gesagt, es wird versucht, die Folgen falscher Wasserbaupolitik zu beseitigen. Aber schon im Versuch sind neue Fehler vorprogrammiert, weil die weit fortgeschrittene Umweltzerstörung nur noch repariert, aber nicht mehr beseitigt werden kann. Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter sagt, „Es ist noch nie gelungen, ein Problem an seinem Ende zu reparieren. Man muss an seine Ursachen gehen.“ Genau das ist nicht gesellschaftsfähig. Wer würde schon allen Ernstes erwarten, dass alle Donaukraftwerke abgerissen werden, damit der natürliche Flusslauf wieder hergestellt ist?

Also macht die Politik das, was Naturheiler in solchen Fällen auch tun, sie verabreichen ein Placebo im Wissen, dass der Glaube allein auch schon helfen kann. Placebos im Wasserbau sind zum Beispiel Projekte die darauf abzielen, dass örtlich lokalisierte Problemstellen „behandelt“ werden. Diese Placebos heißen dann „Naturnaher Wasserbau“, „Gewässerrenaturierung“, „Sedimentbewirtschaftung“, Aufweitungen usw. Ganz wichtig ist immer die Herstellung der lateralen Konnektivität. Der Fluss soll sich in der Au ausbreiten, sie durchströmen können. Er soll quasi ein bisschen „Au spielen“ dürfen, bevor er wieder zurück ins (Beton)Bettchen muss. Man weiß, dass dadurch keine Ursachen beseitigt werden, aber man kann dann sagen, wer daran glaubt, wird auch „gesünder“. Gesund ist das auf jeden Fall für die Wasserbauer selbst, denn die Behandlung mit Placebo ist natürlich nicht kostenlos. Im Gegenteil. Gut, der Bürger hat auch etwas davon. Er darf an geführten Wanderungen in der neuen Au teilnehmen – ohne schmutzig zu werden. Für die Au und deren Bewohner ist es wahrscheinlich wie eine Zooatmosphäre.

Womit Tulla bestimmt nicht gerechnet hat ist, dass der Wasserbau eine riesige Geschäftssparte mit hervorragenden Beschäftigungsmöglichkeiten werden wird. Zwar hat schon Tulla gewusst, dass der Wasserbauer eine spezialisierte Fachkraft ist und deshalb förderte er stark deren Ausbildung. Aber dass die Wasserbauer heute sein Werk niederreißen und trotzdem hervorragend verdienen, war für Tulla nicht vorhersehbar. Natürlich haben sich die Ausbildungsschwerpunkte für Wasserbauer drastisch geändert. War früher ein möglichst gerader Kanal gefragt, der den Fluss kastriert hat, ist es heute die Aufweitung oder die naturnahe Ufersicherung statt Steinwurf. Dafür müssen viele EU-geförderte Projekte und Studien entwickelt werden. Früher hat das die Natur selber gemacht – kostenlos. Die Stakeholder des Placebo-Wasserbaues sind praktischerweise so organisiert, dass ihre Empfehlungen zum Regelwerk und damit zur Grundlage für die Ausbildung und für die Auftragsvergabe werden. Wie für den Fluss, ist für den Wasserbauer die zeitliche Dimension wichtig, man rechnet in Förderperioden. Hier schließt sich wieder der Kreis zu Tulla. Auch er war auf das Steuergeld angewiesen. Egal welche Summen noch in den „naturnahen Wasserbau“ investiert werden, kaum irgendwo wird es gelingen, die Sünden der Vergangenheit zu tilgen. Im Gegenteil. Oft sind in zerstörten Flussregionen nach Jahrzehnten wieder neue Lebensräume entstanden. Die Natur hat sich alleine wieder neu erfunden und gerade damit begonnen, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Aber daraus wird nichts, denn jetzt rücken die „neuen Wasserbauer“ mit schweren Geräten in der „Zweitau“ an und metzeln wieder alles nieder, was sich über 50, 100 Jahren entwickelt hat. Einzig die Beschäftigungssituation für Wasserbauer bleibt dauerhaft garantiert, denn es gilt viele Schäden zu lindern.

Schweres Gerät in der “Zweitau”

Fünfzig Wissenschaftler unter der Leitung von Forschern der Universität Swansea in Großbritannien haben herausgefunden, dass Europas Flüsse von mehr als einer Million Hindernissen beeinträchtigt sind. Am stärksten beeinträchtigt sind die Flüsse in Mitteleuropa. Der WWF und der Umweltdachverband haben daher gemeinsam mit 40 Umweltverbänden und renommierten Experten aus der Wissenschaft einen flammenden Appell an die Umweltministerin Gewessler gerichtet. Sie verlangen ein Ende der Verbauung an den Flüssen und fordern stattdessen, bestehende Kraftwerke zu modernisieren. Die am stärksten vom Artensterben betroffenen Ökosysteme sind in oder entlang unserer Flüsse zu finden (Gewässerökologe Steven Weiss). Jahrzehntelange Fehlentwicklungen haben Österreichs Flusslebensräume Schritt für Schritt beschädigt und zerstört, erklären die Experten. Die Universität für Bodenkultur (BOKU) hat erforscht, dass nur noch 15 Prozent der Flüsse ökologisch intakt sind. Allein in Österreich gibt es bereits 5.200 Wasserkraftwerke und dennoch sind hunderte neue Kraftwerke geplant. Harte Worte findet Umweltdachverband-Präsident Franz Maier: „Die Politik hat die Verbauung einzigartiger Flusslandschaften schon viel zu lange subventioniert und dadurch zahlreiche Ökosysteme in den Kollaps getrieben. Klimaforscher Herbert Formayer (BOKU) spricht ein besonders wichtiges Thema an, das in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit dem Wasserbau überhaupt nicht diskutiert wird: „Im Kern jeder Lösungsstrategie muss unser viel zu hoher Energieverbrauch stehen. Wenn wir es nicht schaffen, unseren Bedarf zu reduzieren, führt dies unweigerlich zur weiteren Ausbeutung natürlicher Ressourcen auf Kosten künftiger Generationen.“  Energieverbrauch reduzieren und mit den Ressourcen konsequent naturverträglich umgehen, das ist das Gebot der Stunde. Leider macht sogar die grüne Umweltministerin Gewessler im Zusammenhang mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz genau das Gegenteil. Ihre Botschaft lautet: Leute, verbraucht so viel Energie wie ihr wollt. Der Strom soll nur nicht aus fossilen Quellen stammen. Damit macht die Umweltministerin die fossilen Ideen eines Tulla wieder salonfähig. Somit haben wir die bizarre Situation im Wasserbau, dass die Politik einerseits Tulla`s Lebenswerk zerstört und gleichzeitig seine Fehler wiederholt. Aber, “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.” (Einstein)

Sediment-Bagger in der Donau

Doch die Umweltschützer wehren sich. Wasserkraft ist keine nachhaltige Energiegewinnung, sagt Theresa Schiller, Referentin für internationale Wasserressourcen beim WWF Deutschland. WWF-Expertin Michele Thieme, Hauptautorin der Studie “Navigating trade-offs between dams and river conservation“, die im Fachmagazin Global Sustainability veröffentlicht wurde assistiert: „Wir können es uns nicht leisten, die Bedeutung von Flüssen, den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt getrennt zu betrachten“. Also bleibt zur Erreichung der Klimaziele eine zentrale Herausforderung: Sparen. Und zwar kräftig. Bis 2030 müssen wir unser Energievolumen um ein Viertel (!) reduzieren, sagt der Klimaökonom Stefan Schleicher. Selbst Vertreter der Energiewirtschaft lenken ein und sagen, dass die effektivste Kilowattstunde die ist, die nicht erzeugt werden muss. Die Politiker und Politikerinnen werden mit den Fesseln ihrer Parteispender und Klienten diese Herausforderung nicht schaffen. Zumindest nicht mit der gebotenen Eile. Was bleibt dann noch als Alternative?

Kann die Justiz die Flüsse retten?

Die Justiz könnte vielleicht rascher Erfolge beim Schutz der Flüsse erzielen, wenn man ihr die richtigen Instrumente in die Hand gibt. Greta Thunberg formuliert das so: „Wir müssen die Regeln ändern“. Der Wille seitens der Justiz ist da und Erfolge gibt es auch schon. Oliver Scheiber, ein Wiener Richter, hat in seinem Buch „Mut zum Recht“ geschrieben, es braucht mehr Umweltjuristen. Umweltkriminalität wird deutlich zu wenig geahndet. Und tatsächlich interessieren sich Juristen zunehmend für das Umweltrecht. Umweltjuristen haben große Zukunftsaussichten. Vom Klimawandel besonders bedrohte Länder sind drauf und dran, dass die Zerstörung der Umwelt als internationales Verbrechen, als Ökozid, eingestuft wird. Damit ist gemeint, dass massenhafte Schädigung und Zerstörung von Ökosystemen, eine schwere Schädigung der Natur, die weit verbreitet oder langfristig wirken, vor dem Internationale Strafgerichtshof (IStGH) landen sollen. Wegweisende Beispiele auf nationaler Ebene gibt es bereits. Es wird wahrscheinlich nicht morgen passieren, dass man der Donau den Status einer juristischen Person zuspricht, wie zum Beispiel dem Whanganui River in Neuseeland. Seit 2017 hat der Fluss zwei eigens abgestellte Vertreter, die seine Interessen vor Gericht durchsetzen können. Wird der Fluss verschmutzt, ist das quasi eine Körperverletzung. Die Ideen dahinter sind, dass man den Fluss besser schützen und Umweltdelikte leichter ahnden kann. Außerdem soll ein Umdenken gefördert werden, damit die Natur von Menschen als gleichwertig betrachtet wird. In Südafrika haben sich Umweltanwälte zu einer NGO für Umwelt- und Klimagerechtigkeit organisiert. Sogar in der Schweiz (für die Rhone) und in Frankreich (parlement de Loire) werden solche Überlegungen angestellt. International sehr breit aufgestellt ist die Organisation Stop Ecocide International (SEI) in Großbritannien. Ihr Ziel, das bereits von einigen Staaten und auch von Europa unterstützt wird, ist die Änderung der Regeln beim IStGH, damit der Ökozid in allen 123 Mitgliedsstaaten angewendet werden kann.

Die Welt ist wie ein Strom, sagt Johann Wolfgang von Goethe, der in seinem Bette fortläuft, bald hier, bald da zufällig Sandbänke ansetzt und von diesen wieder zu einem anderen Wege genötigt wird. Die Welt braucht frei fließende Ströme – schon um diesen schönen Vergleich aufrecht erhalten zu können.

Peter Baumgartner

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